Das Erwachen zur totalen Revolution

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Erleuchtung & die Krise der Welt
von Vimala Thakar

Vimala ThakarIn einer Zeit, in der es fraglich ist, ob die Menschheit überleben wird, bedeutet den Status quo fortzuführen nichts anderes, als zu Wahnsinn und Chaos beizutragen. Wenn Dunkelheit und Unwissenheit den Geist der Menschheit überfluten, dann ist es äußerst dringlich, dass Menschen, die berührt und betroffen sind, erwachen und sich zur Revolution erheben.

Die Klugheit des menschlichen Verstands hat uns zu der komplexen, erschreckenden und allumfassenden Krise geführt, der wir uns nun gegenübersehen. Die gewohnten Lösungsversuche, die auf einer begrenzten Sichtweise dessen, was den Menschen ausmacht, basieren, versagen auch weiterhin und sind in erbärmlicher Weise unzureichend. Nichtsdestotrotz pumpen wir Unsummen in diese abgenutzten Lösungen, und wenn diese Ausgaben, so glauben wir, nur groß genug sind, dann können wir mithilfe der alten Lösungsmöglichkeiten die neuen Schwierigkeiten doch noch überwinden. Haben wir den Mut, Fehler als Fehler anzuerkennen und sie der Vergangenheit zu überlassen? Haben wir die Kühnheit, die engen, einseitigen Sichtweisen des menschlichen Lebens hinter uns zu lassen und uns stattdessen für eine Perspektive zu öffnen, die alles in Ganzheit umfassen kann? Das Gebot der Stunde ist die Entwicklung über das Fragmentarische hinaus, das Erwachen zu nie da gewesener totaler Revolution.

Dieser Ruf hat allerdings nichts mit den revolutionären Schemata der Vergangenheit zu tun, denn mögen diese heute auch in neuer Aufmachung erscheinen, sie haben alle versagt–wozu sie also wieder ausgraben? Die Herausforderung liegt jetzt darin, eine ganz neue, lebendige Revolution anzustoßen, die die Gesamtheit des Lebens im Blick hat. Nie haben wir es gewagt, das Leben als Ganzes in all seiner überwältigenden Schönheit anzunehmen; wir gaben uns mit winzigen Bruchteilen zufrieden und wir erfanden Schlupfwinkel, in denen wir uns gedanklich und emotional sicher und geborgen fühlen konnten. Diese könnten wir jetzt auch noch haben, hätten wir bei dem Versuch, das kosmische Ganze in mundgerechte Häppchen zu zerstückeln, nicht die bedrohliche Situation geschaffen, der wir uns heute gegenübersehen. Wir haben ein gefährliches Chaos angerichtet und versuchen nun, die komplizierte Situation mit äußerst oberflächlichen und fragmentarischen Mitteln zu retten.

Heute, wo die Narben früherer Fehler unser Dasein verunstalten und die Angst vor der Zukunft schwer auf unserem Gemüt lastet, können wir dieses gefährliche Spiel der Fragmentierung nicht mehr weiter fortführen. Wir dürfen uns nicht länger der Tatsache verschließen, dass wir alle in der Ganzheit untrennbar miteinander verbunden sind. Wissenschaft und Technik haben dazu geführt, dass wir alle in enger Beziehung zu einander stehen. Wir sind in der Tat eine globale menschliche Familie. Doch wir haben als Familie nicht gelernt, in Frieden und frei von Gewalt und Ausbeutung zusammenzuleben. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieb Bertrand Russell: "Der Mensch kann wie ein Vogel in der Luft fliegen, er kann wie ein Fisch im Wasser schwimmen, aber er weiß nicht, wie man unter den Menschen lebt."

ZU DEN WURZELN DES KONFLIKTS VORDRINGEN

Obwohl unser Überleben auf dem Spiel steht, setzen wir uns nur sehr oberflächlich, emotional und sentimental mit der Krise auseinander. Auf subtile Weise haben wir versucht, uns von jedweder ernsthaften Verantwortung für den Zustand der menschlichen Familie freizusprechen, indem wir uns selbst und unsere kleine Bezugsgruppe als wirklich aufrichtig und friedliebend ansehen, während wir Außenstehenden, Anderen, machthungrigen Bösewichten alle Verantwortung für Krieg und Aggression zuschreiben.

Aber wie können wir uns als Angehörige kriegsbereiter Gesellschaften von diesen abheben, indem wir uns selbst als friedliebend, die anderen hingegen als gewalttätig betrachten? Genau das versuchen wir jedoch. Durch die Medien erfahren wir von Massakern und Kriegen in aller Welt und finden es so unglaublich dumm, Krieg zu führen. Wir fragen uns dann, wieso die Politiker und Staatsmänner nicht klug genug sind, diesen Unsinn zu beenden. So reagiert wahrscheinlich jeder sensible Bürger dieser Welt. Wer aber führt den Krieg, wo liegen seine Wurzeln? Sind sie in den Köpfen einer Hand voll Individuen, die in den jeweiligen Ländern regieren? Oder befinden sich die Wurzeln des Kriegs nicht vielmehr in den Systemen, die wir geschaffen haben und nach denen wir seit Jahrhunderten leben–in Wirtschaft, Politik, Industrie und Verwaltung? Wenn wir, anstatt einfach nur emotional zu reagieren und zu bekunden, wie schrecklich Krieg doch ist, einmal tiefer gehen, werden wir dann nicht die Wurzeln des Kriegs in ebensolchen Systemen und Strukturen finden, die wir selbst akzeptiert haben?

Wir werden entdecken, dass es Systeme und Strukturen gibt, die unausweichlich zu Aggression, Ausbeutung und Krieg führen. Wir haben uns auf Aggression als Lebensweise verständigt. Wir erschaffen und verschanzen uns in Strukturen, die in Kriegen gipfeln. Es ist nicht möglich, die Strukturen beizubehalten und gleichzeitig Kriege zu vermeiden. Sie und ich, jeder Einzelne, muss die eigene Verantwortung dafür erkennen, dass wir mit diesen Systemen kooperieren und uns somit an Gewalt und Kriegen beteiligen. Und dann müssen wir uns fragen, ob wir nicht einfach mit all dem aufhören können, um stattdessen alternative Lebensweisen zu erkunden.

Wir müssen zu den Wurzeln des Problems vordringen, zum Kern der menschlichen Psyche, und erkennen, dass ein gemeinschaftliches soziales Handeln mit dem Handeln im Leben jedes Einzelnen beginnt. Wir können Individuum und Gesellschaft nicht voneinander trennen. Wir alle haben die Gesellschaft verinnerlicht, indem wir ihr Wertsystem annehmen, und die Prioritäten akzeptieren, die Staat, Regierung und politische Parteien für uns ausgearbeitet haben. Wir sind ein Ausdruck des Kollektiven, wiederholen die für uns geschaffenen Muster und sind glücklich, weil uns physische und wirtschaftliche Sicherheit, Wohlstand, Freizeit und Unterhaltung geboten werden. Wir sind besessen von der Idee der Sicherheit, und Gedanken an die Zukunft quälen uns weit mehr als die Verantwortung für die Gegenwart.



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